Datum
10.09.2020
Titel
Ein abgekartetes Spiel – Das politische Versagen soll zur Auflösung der Pflegekammer Niedersachsen führen
Untertitel
Der Bundesverband Pflegemanagement weist auf fatale Folgen in der qualitativen Versorgung der Bevölkerung hin, wenn jetzt, wie von Frau Reimann gefordert, die Pflegekammer aufgelöst werden soll.
Text

Die Umfrageergebnisse der beruflich Pflegenden zur Befragung der Pflegekammer lassen nicht auf eine klare Haltung der beruflich Pflegenden schließen. Immerhin haben sich lediglich 15.100 beruflich Pflegende von stimmberechtigt 78.000 überhaupt beteiligt. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sich Pflegekräfte seit Jahrzehnten als Spielball der Wirtschaftlichkeit und des Finanzierungssystems in der Gesundheitsversorgung wiederfinden. Der Glaube an eine bedarfsgerechte Versorgung der zu Pflegenden ist verloren gegangen. Jahrelang hat man den professionell Pflegenden nicht zugehört. Politisch und wirtschaftlich Verantwortliche haben die beruflich Pflegenden abgewertet, indem Gesundheitsversorger marktwirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellen mussten und Pflegekräfte als Kostenfaktoren und weniger als Kapital eines Unternehmens betrachtet wurden. Pflegen könne schließlich jeder und auch jeder sei geeignet war hier die Devise. Verantwortliche aus der Gesundheitswirtschaft haben sich in Kongressen hervorgetan und ihrer Karriere Vorschub geleistet mit wie wenig Personal man wirtschaftlich über die Runden käme. Jetzt haben wir das Dilemma. Runtergewirtschaftet und abgebaut sitzen beruflich Pflegende inmitten der demographischen Entwicklung und sollen an die Politik glauben und an das, was ihnen jetzt versprochen wird.

Am Ende der Diskussion hat es die Kammer zu spüren bekommen. Die Politikverdrossenheit hat sich an dieser Stelle entladen. Dies zeigt sich an der der Beteiligung der Umfrage. Allen ist bekannt, dass es keine ausgebildeten Pflegekräfte mehr am Markt gibt. So funktionieren natürlich Versprechungen unter der Prämisse, jetzt nachzubessern und Geld ins System zu geben. Dazu passt auch die Aussage der SPD - Fraktionsvorsitzenden Johanne Modder, dass nach einer Auflösung der Pflegekammer nun die Gewerkschaften gefragt wären. Die Frage sei an dieser Stelle erlaubt: Warum sollen die Gewerkschaften ausgerechnet jetzt die Karre aus dem Dreck holen? Die Gelegenheit dazu hätten sie ja schon in den vergangenen Jahren gehabt.

Reines Kalkül. Viele erst jetzt angepassten Verordnungen und Gesetze kommen viel zu spät und sanktionieren bei Nichteinhaltung die Einrichtungen in hohem Maße. Und das, bevor dem System Hilfe gegeben wurde. Aber es ist zu spät. Klatschen reicht hier eben nicht mehr. Die SPD ist jetzt nur auf Wählerstimmen aus. Der Wahlkampf beginnt. Auf welchem Niveau dieser stattfindet, zeigt sich nur allzu gut in den sozialen Medien. Wenn Politik ihre Aufmerksamkeit auf unreflektierte Randgruppierungen legt und sich damit Ruhe im System verhofft, denkt sie wirklich nur in Legislaturperioden und ist wenig an einer Sicherstellung einer qualitativ guten pflegerischen Versorgung interessiert.

Ohne eine unabhängige Selbstverwaltung wird sich die Pflege nicht erholen und der Nachwuchs wird ausbleiben. Am Ende wird die Pflege selbst zum Patienten (lat. – leidend, aushaltend, abhängig) – nämlich abhängig von denen, die es besser wissen wollen als die Berufsgruppe selbst. Und wir sehen ja wo uns das bisher hingeführt hat.

Pflegemanagement muss jetzt aufklären und aussprechen, was das für die uns anvertrauten Menschen bedeutet. Die jahrelangen ehrenamtlich Tätigen und klugen Pflegefachpersonen aus allen Pflegeebenen fühlen sich jetzt geohrfeigt. Mal wieder setzt Politik hier auf die Gutmütigkeit derer, die das System aufrechterhalten. Diese Rechnung wird nicht mehr aufgehen. Die pflegerische Berufsgruppe braucht ein gutes Image und kein Mitleid, braucht ein Selbstverständnis und ein Selbstbewusstsein. Das geht letztendlich nur mit einer Pflegekammer!