Datum
02.12.2015
Titel
Grußwort zur der PKMS-Jahrestagung 2015.
Untertitel
von Ludger Risse
Text

Sehr geehrte Frau Müller, sehr geehrter Herr Gohl, sehr geehrte Frau Dr. Wieteck und
natürlich sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses eindrucksvollen Kongresses.

Hier auf der PKMS-Jahrestagung versammeln sich 650 Fachleute, deutlich mehr als in den Vorjahren, um sich mit namenhaften Referentinnen und Referenten zu Themen rund um den OPS 9-20 auseinander zu setzen. Da erscheint die Erklärung des Deutschen Pflegerats in seiner Pressemitteilung vom 25.08.2015, dass die Weiterentwicklung dieses OPS-Codes keine Option darstellt, etwas widersprüchlich. Lassen Sie mich diese „Ungereimtheit“ als Einstieg nehmen, um einen Blick auf die Entwicklung des PKMS zu werfen.

Wir alle kennen die Kritik, welche sich auf den Dokumentationsaufwand bezieht und die globale Erlösrelevanz in Frage stellt. Ohne Frage besteht hier Diskussionsbedarf. Eine pauschale Ablehnung ist jedoch nicht nachvollziehbar. Vor allem dann nicht, wenn dabei die erheblichen Erlöse für die Pflege nicht berücksichtigt werden  und ohne dass zuvor eine entsprechende Fachdiskussion stattgefunden hat. Insbesondere wir Pflegemanager setzen uns nahezu täglich mit den Themen rund um den PKMS auseinander.

Einen Fachdiskurs muss man mit Weitblick auf die nahe und fernere Zukunft führen. Der Bundesverband Pflegemanagement setzt sich daher intensiv mit der Frage auseinander, wie es  möglich sein wird, die pflegerische Versorgung unserer Patienten innerhalb und außerhalb der Krankenhäuser auch im Jahre 2020 und darüber hinaus sicher zu stellen.

Zur Entwicklung einer Vision für die Zukunft gehört aber auch immer ein Blick in die Vergangenheit. Die Berechnung des Pflegepersonals war schon immer ein umstrittenes Thema. So gab es die Anhaltszahlen aus 1969 von Siegfried Eichhorn, die 1974 durch eine Methodik der DKG abgelöst werden sollten, was sich jedoch nicht durchgesetzt hat. So wirkten die sogenannten 69er Anhaltszahlen bis zur Einführung der Pflege-Personalregelung (PPR) im Jahr 1991. Die PPR wurde zwei Jahre später auf eine 75%-Wirkung begrenzt und letztlich ausgesetzt. Mit der Einführung des DRG-Systems im Jahr 2003 wurden in den Kalkulationshäusern trotzdem weiterhin auch PPR-Daten verwendet. Dem Stellenabbau Pflege wurde 2009 mit dem Förderprogramm der ehemaligen Gesundheitsministerin Ursula Schmidt entgegen gewirkt, der Erfolg war begrenzt. Dieses Programm wurde dann im Jahr 2012 teilweise durch den PKMS abgelöst.

Mit der Einführung des DRG-Systems gab es Gewinner und Verlierer in diesem System. Die Verlierer sind ganz eindeutig die Pflegeberufe, die seit 1995 mindestens 35.000 bis 40.000 Stellen verloren haben, wenn man die Steigerungsraten bei den zu versorgenden Patienten hinzunimmt, handelt es sich wohl eher um 50.000 bis 100.000 Stellen, je nach Berechnungsform. Die Verlierer sind aber nicht nur die beruflich Pflegenden, die Verlierer sind in allererster Linie unsere Patienten in den Kliniken und zwar insbesondere diejenigen, die betagt und vielleicht mit einer Vielzahl von Erkrankungen schwerstpflegebedürftig sind. Sie können sich nicht aussuchen, wo sie einen elektiven Eingriff in einem qualitätsgesicherten System, vornehmen lassen. Mein Herz schlägt insbesondere für diese Patienten und als Pflegedirektor empfinde ich eine ganz besondere Verantwortung für diese Menschen.

Für einen Teil dieser Patienten greift der PKMS mit seiner Zusatzvergütung. Daher ist es richtig, wenn man Folgendes feststellt: In diesem System, bestehend aus 13.440 Diagnosen und 29.203 Prozeduren, gesteuert von etwa 13.500 Controllern und Kodierkräften in den Kliniken und vermutlich der gleichen Zahl auf Kassenseite, ist der PKMS der einzige Schlüssel wo Pflegeleistungen dargestellt werden und eine Erlösrelevanz deutlich sichtbar wird.

Wir haben das grundsätzliche Dilemma, dass in unserem Gesundheitssystem, mit Ausnahme des PKMS und mit Ausnahme einiger Zusatzvergütungen für hygienisch hochaufwendige Versorgung, die Pflege als Kostenfaktor gesehen wird, während der ärztliche Dienst eindeutig als Erlösfaktor gilt. Das erleben wir täglich in den Planungsgesprächen innerhalb unserer Kliniken. So ist auch zu erklären, dass die Zahl der Ärzte deutlich angestiegen ist, während die Zahl der Pflegenden gleichzeitig drastisch abgenommen hat. Wir brauchen für die Zukunft also ein System, in dem auch die Pflegeleistungen transparent und klar einsichtig als Erlösfaktor dargestellt werden können und ein System, in dem dieser Erlösfaktor auch in der Pflege eingesetzt wird. Was wir jedoch nicht brauchen ist ein Flickwerk aus PPR-Zahlen, LEP-Zahlen und Pflegeindikatoren.

Wenn Pflege zu einem wirksamen Erlösfaktor werden soll, ist eine klare und eindeutige Abbildung von Pflegeleistungen im Zusammenhang mit Pflegequalität zwingend erforderlich. Dazu gehören folgende Schritte:

  • Eine umfassende Pflegediagnostik,

  • die Planung und Durchführung von gezielten pflegerischen Interventionen,

  • die Bemessung des Aufwandes und daraus resultierend eine aufwandsentsprechende Vergütung.

Damit würde das Geld der Pflegeleistung folgen und der Pflegebedarf der Patienten sich ebenso im System abbilden lassen wie der Bedarf, der durch Diagnosen und medizinische Prozeduren generiert wird. Der pflegebedürftige Patient mit seiner Vielzahl an Problemen würde damit nicht mehr zum Belastungsfaktor für die Pflegeteams, sondern zu einer pflegerischen Herausforderung an die Fachlich-keit und gleichzeitig zu einem „Faktor“, dem ein entsprechender Aufwandserlös folgt und damit die Finanzierung des dazu notwendigen Personals rechtfertigt.

Würde ein solches System durchgehend greifen, wäre in der Tat die Sonderregelung des PKMS überflüssig, in diesem Kontext würde ich mir das auch wünschen! Heute aber haben wir die Situation, dass der PKMS als einzig sichtbarer Erlösfaktor für Pflege etwa 214.000 Sondererlöse im Jahr 2014 ausgelöst. Und damit eine Größe und Relevanz in den Kliniken darstellt, die wohl jeden Pflegemanager in Deutschland beschäftigt. Insofern ist der PKMS vielleicht ein Zwischenschritt. Er darf nicht der einzige Zwischenschritt sein auf dem Weg zu einer professionellen Darstellung der Pflegeleistungen in unserem Gesundheitssystem. Wir wissen, dass wir dafür noch Zeit brauchen, wir wissen aber auch, dass wir in der Zwischenzeit genau diese Erfahrungen aus dem Umgang mit dem OPS brauchen, um das System insgesamt weiter zu entwickeln. Unser Verband steht hier für den Fachdialog, der selbstverständlich unterschiedliche Konzepte berücksichtigt. Der Bundesverband Pflegemanagement hat in seiner Friedrichshafener Erklärung eindeutig formuliert, dass es eine primäre Zielsetzung ist, dass Pflegeleistungen im Krankenhaus auch zu Erlösleistungen werden müssen und damit die Pflegeberufe aus dem Dilemma des Kostenfaktors befreit werden. Die Entwicklung eines Systems mit Nursing Related Groups (NRG) kann ein möglicher Weg sein. Was wir dringend brauchen, ist einen Fachdiskurs und das Zusammenführen der verschiedenen Expertisen und Ausarbeitungen zu diesem grundsätzlichen Thema. Wir als Bundesverband Pflegemanagement sind Mitglied im Deutschen Pflegerat und sind auch an der Entwicklung anderer Konzepte durchaus beteiligt. Wir kooperieren mit der neuen Fachgesellschaft Profession Pflege, haben auch den Antrag zum PKMS mit gezeichnet und wissen die Fachkompetenz in dieser Gesellschaft zu schätzen. Wir stehen aber für die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Konzeptionen mit dem Ziel, einen gemeinsamen Weg zu finden, der letztlich auch gegangen werden kann.

Heute 2015/2016 diskutieren wir erneut über ein Förderprogramm, über einen Pflegezuschlag, aber auch über die Entwicklung einer Personalkalkulation für die Zukunft. Die vom Bundesgesundheits-ministerium eingesetzte Expertenkommission kann also Weichen für eine verlässliche Kalkulation der Pflegestellen im Krankenhaus stellen. Wir müssen unsere Pflegevertreter in der Expertenkommission dabei unterstützen und stärken. Aber eine einseitige Festlegung auf ein Konzept, ohne den auch kontroversen Fachdiskurs innerhalb der Pflege, darf es aus unserer Sicht nicht geben! Auch in der heutigen Tagung werden diese Themen sicher sehr intensiv diskutiert werden. Ich freue mich darauf, diesen Tag begleiten zu dürfen und viele Anregungen mitzunehmen. Ich wünsche uns allen einen guten Tagungsverlauf.

Bundesverband Pflegemanagement e.V.
Dipl. Pflegewirt Ludger Risse
Stellv. Vorsitzender
Alt-Moabit 91
10559 Berlin