Datum
11.03.2013
Titel
Offener Brief
Untertitel
An Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr.
Text

Ihr Schreiben vom Januar 2013 zu den Errungenschaften im Gesundheitswesen.

Sehr geehrter Herr Bahr,

 

viele unserer Mitglieder haben uns auf Ihr Schreiben vom Januar diesen Jahres angespro­chen, in dem Sie die auflisten, welche Verbesserungen im Bereich des Gesundheitswesens 2012 auf den Weg gebracht wurden. Ihre Einschätzungen zu den Errungenschaften im Bereich der Pflege können wir jedoch keineswegs teilen. Es ist zu begrüßen, dass Sie sich persönlich den einen oder anderen Einblick verschafft haben. Bei Ihren Ausführungen wird jedoch deutlich, dass dies bei weitem nicht genügt, um die tatsächliche Situation in der Pflege korrekt zu erfassen, zu verstehen und entsprechend konsequent Abhilfe zu schaf­fen. 
 
Seit Jahren steuert Deutschland auf einen dramatischen Pflegefachkräftemangel zu. Die Modernisierung des Pflegeberufegesetzes ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, der jedoch längst hätte erfolgen müssen. Unter dem mittlerweile bestehenden Zeitdruck riskieren wir nun wieder einmal eine Schnelllösung, die sich im Wahlkampf gut vermarkten lässt, jedoch nur einen Teil der zu lösenden Punkte abdeckt. Der Fachkräftemangel lässt sich auch nicht dadurch beheben, dass man nun Fachkräfte aus dem asiatischen Raum rekrutiert und damit die eigene Misere auf Kosten anderer Länder löst.
 
Zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs gehört wesentlich mehr. Das fängt bei der Anerkennung der Leistungen der Profession Pflege auf politischer und gesellschaftlicher Ebene an. Längst schon leistet die Pflege weit mehr als zum historischen und nach wie vor in den Köpfen der Gesellschaft verankerten Berufsbild gehört. Im letzten Jahr wurde mit der Heilkundeübertragungsrichtline endlich der längst fällige Meilenstein für die gesellschaftli­che Wahrnehmung und rechtliche Absicherung der tatsächlichen Leistung gelegt. Und schon kommt der Prozess wieder ins Stocken, da für eine rasche Umsetzung die durch Ihr Ministerium erforderliche Unterstützung bis dato fehlt.
 
Zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs und zur langfristigen Qualitätssicherung gehören aber auch die Anerkennung der Berufsanerkennungsrichtline der EU und die damit verbundene Anhebung der Zugangsvoraussetzung auf eine 12-jährige Schulbildung. Ihre konsequente Weigerung der EU-Richtlinie zu folgen, halten wir für unverantwortlich. Den Patienten wie auch den Pflegenden gegenüber. Der Pflegeberuf erfordert aufgrund der hohen psychischen und physischen Belastung sowie der fachlichen Anforderungen neben einer gewissen Reife auch eine fundierte schulische Qualifikation.
 
Zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs gehört zudem zwingend die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Die systematische Unterfinanzierung der Kliniken führt immer wieder zu Streichungen bei den Pflegestellen und damit zu einer Arbeitsbelastung, die bereits heute ihre Grenzen erreicht hat. Die Fortsetzung des Stellenförderprogramms ist dringend angezeigt und wird auch seitens der CDU unterstützt. Die Finanzierung und damit  auch die Umsetzung sind jedoch scheinbar noch völlig offen.
 
Zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs bedarf es darüber hinaus dringend eines Pflegestrukturgesetzes, das für die Leistungserbringer Anreize schafft, auch in struktur­schwachen Regionen tätig zu sein.
Zur Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs gehört schließlich unabdingbar die Selbst­verwaltung der Profession Pflege. Der Landtag in Schleswig-Holstein hat bereits im De­zember die Einrichtung einer Pflegekammer beschlossen. Die positive Entscheidung in Rheinland-Pfalz steht unmittelbar bevor. Auch in Niedersachsen und Bayern gibt es kon­krete Bestrebungen. Die politische Unterstützung auf Bundesebene ist bis dato nicht er­kennbar.
 
Zur Lösung der Pflegesituation ist weit mehr erforderlich, als die Auflistung von Einzelmaß­nahmen. Es bedarf eines Verständnisses des Gesamtkomplexes Pflege, das wir Ihnen mit diesem Schreiben exemplarisch am zentralen Punkt „Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs“ versucht haben näher zu bringen. Das Image eines Unternehmens lässt sich genauso wenig wie das Image eines Berufs durch Anzeigenkampagnen alleine steigern. Nur ein integriertes, langfristig angelegtes Gesamtkonzept und spürbare Ergebnisse führen zu einer Veränderung der Wahrnehmung. Es ist längst überfällig, dass die Politik den Ge­samtkomplex Pflege endlich als gesellschaftliche Herausforderung definiert und über einen Bundespflegeplan zu einer abgestimmten Zukunftskonzeption kommt.
 
Für ein persönliches Gespräch stehen wir jederzeit sehr gerne zur Verfügung.
 
Mit freundlichen Grüßen
Peter Bechtel
Vorstandsvorsitzender